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Francesco Zizola

Fotojournalismus

Mit „Als ob wir Tunfisch wären“ wollte ich einen Erzählstrang entwickeln, der eine komplexe Vision der traditionellen und nachhaltigen Methoden des Tunfischfangs bietet. Mich interessiert es, eine Metapher für den ewigen Konflikt zwischen Mensch und Natur vorzuschlagen, eine Reflexion über die Hybris der Menschen.

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Als ob wir Tunfisch wären

Nachdem Francesco Zizola im Rahmen eines NOOR-Gruppenprojekts den Anstieg des Meeresspiegels und den Klimawandel aufgenommen hatte, ließ er sich dazu inspirieren, die Schäden an Unterwasser-Ökosystemen zu untersuchen, die durch die Art und Weise verursacht werden, wie unsere weltweite Lebensmittelindustrie mit der Fischerei umgeht. Sein Ziel war es nicht nur, das Problem selbst zu dokumentieren, sondern auch nachhaltige Lösungen aufzuzeigen. „Als ob wir Tunfisch wären“ untersucht die uralten Fischereipraktiken der sardischen Tonnara, in der ein komplexes Netzwerk von Fallen eingesetzt wird, um den Fisch über ein Labyrinth von Kammern zu leiten, das schließlich in einer Todeskammer endet. Damit wird sichergestellt, dass nur die größten Tunfische gefangen werden. Der Höhepunkt der Tonnara, die mattanza (das Schlachten), ist bei aller Umweltfreundlichkeit immer noch ein brutaler Kampf zwischen Mensch, Fisch und den Elementen, den Franco in einem multimedialen Projekt aus Bild und Video festgehalten hat. Das Projekt hat seinen Namen von der Beschreibung des Dichters der griechischen Tragödie, Aischylos, der eine vernichtende persische Niederlage bei Salamis beschreibt.




F: Warum war es Ihnen so wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Als Teil eines NOOR-Gruppenprojekts zum Klimawandel, das von Nikon unterstützt wird, habe ich über die Geschichte des Anstiegs des Meeresspiegels auf den Malediven berichtet. Dort begann ich zu verstehen, in welcher Gefahr sich das Leben im Meer aufgrund der Überfischung durch die weltweite Lebensmittelindustrie befindet, und ich habe damit begonnen, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Vor fünf Jahren habe ich dann beschlossen, mich auf den Mittelmeerraum zu konzentrieren und einen nachhaltigen Weg aufzuzeigen, um die Nahrung, die wir benötigen, aus dem Meer zu beziehen. Dabei bin ich auf mehrere Gruppen von Fischern gestoßen, die um ihr Überleben kämpfen und sich von industriellen Fangmethoden abgewendet haben, die mit den maritimen Ökosystemen nicht vereinbar sind. Das hat mich schließlich zur Tonnara in Sardinien geführt, dem traditionellen Blauflossen-Tunfischfang, der als letzter im Mittelmeer noch auf nachhaltige Art und Weise durchgeführt wird.

F: Was hat Sie dazu inspiriert, diese Geschichte als Multimediaprojekt aufzuziehen?

Derzeit beende ich gerade die Arbeiten an einem Buch mit Bildern zu den Themen Wasser und Nachhaltigkeit. Daneben entschied ich mich, einen Kurzfilm zu drehen, um (in einer anderen Sprache) eine eindeutige Vision von einem nachhaltigen Fischereiprozess zu vermitteln. Schon seit Beginn des Projektes wolle ich eine visuelle Geschichte über die enge Beziehung zwischen den beiden Welten über und unter Wasser erzählen. Bewegte Bilder und Sound boten die perfekte Möglichkeit, eine spannungsgeladene Geschichte zu präsentieren, in der sich die Zuschauer in die Rolle der Tunfische versetzen können. Dieser Kurzfilm soll Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur aufwerfen.

F: Wie haben Sie das Shooting geplant und die Fischer ausfindig gemacht?

Der Film wurde parallel zu den Fotos aufgenommen, also auch gemeinsam geplant. Fischer bilden in der Regel sehr enge Gemeinschaften und die tonnaroti gehören definitiv auch dazu. Es hat eine Weile gedauert, bis sie mir vertraut haben, um diese Aufnahmen machen zu können.

F: Wo haben Sie dieses Projekt aufgenommen?

„As If We Were Tuna“ (Als ob wir Tunfisch wären) wurde in Sardinien aufgenommen, in den Buchten von Portoscuso und Portopaglia im Südosten der Insel. Die Tunfische kommen jedes Jahr im Mai und Juni durch diese Gegend.

F: Wie haben Sie eine Beziehung zu den Fischern aufgebaut, damit Sie auf den Booten so eng mit ihnen zusammenarbeiten konnten?

Es war ein langer Prozess, in dem wir uns nach und nach kennengelernt haben. Ich habe viel Zeit mit ihnen verbracht und ihnen meine Arbeiten gezeigt. Sie wussten also, was ich vorhatte. Dann hat die Fischereigesellschaft mir grünes Licht gegeben und der Rais, das Oberhaupt der Fischereivorhaben, also eine Art König unter den tonnaroti, ließ mich zum ersten Mal Aufnahmen machen. Seitdem bin ich fünf Jahre lang hintereinander jedes Jahr wiedergekommen und wurde schließlich als Teil der Crew akzeptiert.

F: Welche Herausforderungen mussten Sie bei diesem Shooting meistern?

Weil ich so viele Jahre dort gearbeitet habe, habe ich immer mehr Details entdeckt. Ich habe mich dann entschieden, unterschiedliche Aspekte derselben Details aufzunehmen. Es hat mir unglaublichen Spaß gemacht, mir Lösungen zu überlegen, um originelle und exklusive Bilder des gesamten Prozesses zu schaffen. Der schwierigste Teil war natürlich die mattanza, der Moment, wenn ausgewählte Tunfische getötet werden. Die Tunfische sind nervös und auch gefährlich. Und während sie Menschen eigentlich nicht angreifen, kann so eine Schwanzflosse einem ganz schön viel Schaden zufügen. Dieser Teil der Tonnara ist der, den ich am meisten fotografiert habe, wobei ich gute Nahaufnahmen und originelle Bilder machen wollte. Ich habe an mehreren mattanzas teilgenommen und jedes Mal andere Bilder aufgenommen. Der gefährlichste Moment war der, als ich unter das Netz der Todeskammer tauchen musste. Ich war 30 Minuten allein und direkt über mir und dem Objektiv brach die Hölle los. Ich fotografierte Bilder des Netzes mit dem Schwarm gefangener Tunfische aus 40 m Tiefe, und als die Fische so richtig aufgeregt waren, schwamm ich immer näher an sie heran. Die Gefahr, von ihren heftigen Schwanzflossen verletzt zu werden, war sehr, sehr groß. Aber die Aufnahmen, die ich dort gemacht habe, sind so aufregend, wie der Moment selbst.

F: Ihre Intention war es, den ewigen Konflikt zwischen Mensch und Natur darzustellen. Was war es, das Ihnen an den Tonnara so symbolhaft vorkam?

Meine Vision für dieses Projekt war eine Metapher der Beziehung zwischen Mensch und Natur, aber auch ein Paradox. Die Tonnara stellt eine raffinierte Art dar, Proteine zu fangen, aber sie ist auch immer noch eine Konfrontation zwischen den Naturgewalten – dem Meer, den Gezeiten, den Strömungen, der unglaublichen Kraft des Tunfisches – und den Menschen selbst, die darum kämpfen, Fische zu fangen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Diese Art des Fischfangs ist nachhaltig und naturverträglich, indem der Fischer dank einer Falle, die vor etwa 3.000 Jahren erfunden wurde, den größten Tunfisch auswählt, und gleichzeitig diejenigen wieder freisetzt, die noch zu jung sind, um gefangen zu werden. Die Falle tötet die Fische nicht, sie leben darin und reproduzieren sich bis zum Ende. Die Fallen fangen nur einen kleinen Teil der Tunfischschwärme, die durch die Bucht schwimmen und werden wieder abgebaut, sobald die Tunfische weiterziehen. Das Fangen selbst wird noch auf dieselbe Art und Weise durchgeführt wie in der Antike. Nur mit der reinen Kraft der Arme der Fischer. Das ist eine faire Konfrontation und das Ergebnis ist nicht vorhersehbar, da die Fische von Anfang an noch aus der Falle entkommen können. Die Tonnara ist aber auch paradox, denn obwohl sie nachhaltig und fair ist, wird diese Methode in ihrer Endphase extrem gewalttätig und blutig. Das zwingt uns dazu, darüber nachzudenken, ob wir den Fischfang wirklich brauchen, um zu überleben. Vielleicht sollten wir das nächste Mal, wenn wir ein Stück in Plastik verpackten Tunfisch im Supermarkt sehen, doch noch einmal darüber nachdenken.

F: Hat sich das Thema Ihres Films verändert, während Sie ihn aufgenommen oder bearbeitet haben?

Ich habe so viele Jahre an dem Projekt gearbeitet, dass es seine Form änderte, wann immer ich in der Lage war, wirklich gute Bilder hinzuzufügen, aber die Struktur war von Anfang an klar: den Fischen von der Freiheit bis zu den letzten Momenten des Fangs folgen. Und es gab immer das klare Konzept, den Fischen als „Hauptdarstellern“ Bedeutung beizumessen, nicht nur den Fischern.

F: Welche Kamera und Objektive hatten Sie dabei?

Ich habe verschiedene Kameras für unterschiedliche Aufnahmen mitgenommen: die Nikon D800, D810 und die D850, jeweils mit Unterwassergehäuse. Für die Fotografien unter Wasser habe ich das AF Fisheye-Nikkor 16 mm 1:2,8D, das AF Nikkor 20 mm 1:2,8D, und das AF Nikkor 28 mm 1:2,8D eingesetzt.

F: Wozu möchten Sie die Leser inspirieren?

Ich hoffe, dass sie den wichtigen Themen, mit denen wir uns in Bezug auf die Umwelt beschäftigen müssen, wirklich Bedeutung beimessen.

F: Können Sie uns ein paar Ratschläge für angehende Fotografen nennen, die ein Multimedia-Projekt realisieren wollen?

Bleibt offen und verfolgt eure Ideen, ohne euch davon abhalten zu lassen.



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