Was es für ein preisgekröntes Wildlife-Foto braucht

Wie gelingt es, ein Bild zu machen, das aus 60.000 heraussticht? Der Gewinner des People’s Choice Award (Publikumspreis) der Wildlife Photographer of the Year Awards verrät es …
Die vom Natural History Museum verliehenen Wildlife Photographer of the Year Awards zählen zu den renommiertesten Auszeichnungen ihrer Art und ziehen daher zahlreiche Teilnehmende an – bei der letzten Ausgabe gingen mehr als 60.000 Einsendungen aus 113 Ländern und Regionen ein. Auch wenn Wim van den Heever für sein Bild Ghost Town Visitor (Besuch in der Geisterstadt) zum Gesamtsieger gekrönt wurde, bewies Josef Stefan, der Gewinner des Nuveen People’s Choice Award, dass man sich nicht entmutigen lassen und es immer wieder versuchen sollte. „Ich nehme tatsächlich schon seit etwa 25 Jahren jedes Jahr an diesem renommierten Wettbewerb teil“, verrät der österreichische Wildlife-Fotograf. „Der Wettbewerb ist hart, mit unzähligen großartigen Bildern, bei denen einfach alles perfekt sein muss.“


Obwohl Josef regelmäßig das Finale erreicht hat – und damit zu den besten 0,2 % gehörte – sowie 2004 in der Kategorie „Vögel“ mit einer „Highly Commended“-Auszeichnung geehrt wurde, blieb ihm der Gesamtsieg lange verwehrt. „Was diesen Erfolg noch bedeutungsvoller macht, ist, dass es zwei große Hürden gab“, sagt er. „Zunächst muss sich das Foto gegen mehr als 60.000 eingereichte Bilder durchsetzen, um von der Jury als eines von nur 24 Bildern ausgewählt zu werden, die eine Chance auf diesen Preis haben. Anschließend entscheidet das Publikum rund um den Globus, welches Bild gewinnt – das ist einfach ein unglaubliches Gefühl. Ich wollte die ganze Welt umarmen, denn eine solche Auszeichnung gewinnt man wirklich nur einmal im Leben. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes.“
Vor diesem Hintergrund teilt Josef einige der wichtigsten Erkenntnisse, die er im Laufe eines Vierteljahrhunderts auf der Jagd nach einem der begehrtesten Preise des Wettbewerbs gewonnen hat. Er verrät, was es braucht, um ein Bild zu erschaffen, das sowohl bei der Jury als auch beim Publikum Anklang findet.
„In der Wildlife-Fotografie ist es das Wichtigste, die Natur und die Spezies zu respektieren, die man dokumentiert.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z 100-400mm f/4.5-5.6 VR S, 340 mm, 1/800 s, f/5.6, ISO 2000 © Josef Stefan

Gewinnertipp 1: Geduld und Ausdauer sind eine Tugend
Geduld und Ausdauer sind entscheidend. Das Bild Flying Rodent (Fliegendes Nagetier) entstand in Andalusien, Spanien. Dorthin war ich in der Hoffnung gereist, den seltenen Iberischen Luchs zu finden und zu fotografieren – ein lang gehegter Traum von mir. Nachdem ich endlich einen entdeckt hatte, verbrachte ich drei Tage in einem getarnten Versteck. Eines Nachmittags tauchte plötzlich ein junger Luchs etwa 50 Meter entfernt mit einer frisch gefangenen Ratte auf und begann, mit ihr zu spielen: Er warf sie immer wieder in die Luft und fing sie auf. Dabei blieb er vollkommen konzentriert. Einmal stellte er sich auf die Hinterbeine und fixierte das Nagetier mit seinem Blick – ein Moment, der sowohl seine Verspieltheit als auch seine Präzision bei der Jagd zeigte. Doch diesen Moment zu fotografieren, war alles andere als einfach. Ich arbeitete aus einem ungünstigen Winkel, was es erschwerte, einen klaren und ausgewogenen Bildausschnitt hinzubekommen; außerdem waren die Lichtverhältnisse mit starken Kontrasten und ungleichmäßiger Helligkeit alles andere als ideal. Dennoch fügte sich am Ende alles zusammen – was zeigt, dass gute Ergebnisse Zeit brauchen. Man muss also dran bleiben, auch wenn es nicht sofort klappt. Denn genau diese wirklich seltenen, besonderen Momente einzufangen – Momente, die nicht gestellt wirken, sondern authentisch und einzigartig sind – ergibt Bilder, die die Mühe wert sind.
„Seltene Naturszenen, die man nicht jeden Tag zu sehen bekommt, kommen besonders gut an. Sie wecken Neugier und Staunen.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z 100-400mm f/4.5-5.6 VR S, 400 mm, 1/1000 s, f/5.6, ISO 6400 © Josef Stefan

Gewinnertipp 2: Das Außergewöhnliche suchen
Dokumentiert ein seltenes Verhalten, denn ein wirklich ausdrucksstarkes Bild ist weit mehr als nur ein schneller Schnappschuss. Es muss einen besonderen Moment einfangen – etwas, das nicht jeder täglich sehen oder fotografieren kann. Es ist diese Einzigartigkeit, die ein Foto wirklich faszinierend macht. Das liegt zum Teil daran, dass man ungewöhnlichen oder seltenen Momenten besondere Aufmerksamkeit schenkt, und zum Teil kann es auch Glück sein, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich glaube, einer der Gründe, warum mein Bild beim Publikum so großen Anklang gefunden hat, ist, dass man solche Begegnungen nur selten sieht. Obwohl dieses Verhalten für Katzen typisch ist, da es ihre Sinne schärft und ihre Jagdtechnik verbessert, ist es in freier Wildbahn nur selten zu beobachten. Und noch seltener zu fotografieren – insbesondere beim Iberischen Luchs, der einst vom Aussterben bedroht war. Das macht das Bild so besonders.
„Ein gutes Naturfoto erzählt immer eine Geschichte: über den Ort, das Tier, sein Verhalten oder die Situation – und zwar so, dass man sie auch ohne großes Vorwissen verstehen kann.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z 100-400mm f/4.5-5.6 VR S, 400 mm, 1/320 s, f/5.6, ISO 800 © Josef Stefan

Gewinnertipp 3: Storytelling
Ein preisgekröntes Bild muss eine Geschichte erzählen, die die Betrachtenden emotional berührt. Es sollte etwas vermitteln. Sei es die Schönheit der Natur, ein dramatischer Moment oder eine wichtige Botschaft zum Schutz von Tieren und Lebensräumen: Diese emotionale oder erzählerische Ebene verleiht dem Bild Tiefe, macht es für die Betrachtenden unvergesslich und ermöglicht es dem Publikum, eine positive Verbindung dazu aufzubauen. Die Geschichte rund um den Iberischen Luchs scheint eine besonders wichtige Rolle bei der Auszeichnung gespielt zu haben. Wir sehen hier die Rückkehr einer einst vom Aussterben bedrohten Art. Ein Symbol für erfolgreichen Artenschutz. Es ist diese Kombination aus einem dramatischen Moment und einer hoffnungsvollen Botschaft, die dieses Bild für mich so besonders macht. Es zeugt von der Zerbrechlichkeit und zugleich von der Widerstandsfähigkeit der Natur. Außerdem sollte man wissen, dass allzu drastische oder grausame Darstellungen eher abschreckend wirken, während harmonische oder sogar leicht verspielte Momente ansprechender sind. Im Bild Flying Rodent wird die Natur nicht brutal dargestellt, sondern eher spielerisch, was die Menschen emotional anspricht. In diesem Moment verschmelzen Instinkt, Überlebenskampf und die ungezähmte Schönheit der Wildnis auf eine Weise, die sich kaum in Worte fassen lässt.
„Ich habe gelernt, dass ein preisgekröntes Naturfoto die perfekte Kombination aus Seltenheit, Story und technischer Umsetzung ist.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z 100-400mm f/4.5-5.6 VR S, 100 mm, 1/3200 s, f/6.3, ISO 1600 © Josef Stefan

Gewinnertipp 4: Verwendet eine Kamera, der ihr vertraut
Hochwertige Ausrüstung kann einen großen Unterschied machen. Der Moment mit dem Luchs war unglaublich intensiv: dieses blitzschnelle Werfen der Ratte – ein Augenblick, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Da zeigt die Z 9 ihre wahre Stärke. Mit 20 Bildern pro Sekunde gibt sie mir die Gewissheit, keinen entscheidenden Moment zu verpassen. Es ist fast so, als würde sie meine eigene Reaktionszeit verlängern. Dazu kommt der beeindruckende Dynamikumfang des 45,7-Megapixel-Sensors. Gerade bei den schwierigen Lichtverhältnissen mit dem ständigen Wechsel aus Licht und Schatten fing er Details ein, die ich mit bloßem Auge kaum wahrnehmen konnte. Letztendlich gibt mir die Z 9 Freiheit. Ich kann leise arbeiten, wenn Stille entscheidend ist. Ich kann unglaublich schnell reagieren, wenn alles in Bewegung ist. Ich kann Einstellungen ändern, noch bevor andere überhaupt bemerken, dass sich etwas geändert hat. Ein Fingertipp, und die Kamera reagiert genau so, wie ich es mir vorstelle – kein Suchen, kein Zögern.
„Das NIKKOR Z 600mm f/4 TC VR S ist so viel mehr als nur ein Objektiv; es ist ein Werkzeug, das Emotionen sichtbar macht.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z 600mm f/4 TC VR S, 1/3200 s, f/5.6, ISO 640 © Josef Stefan

Gewinnertipp 5: Das richtige Objektiv für jede Aufgabe
Für das Bild, das am Ende gesiegt hat, habe ich das NIKKOR Z 600mm f/4 TC VR S verwendet, welches eine atemberaubende Schärfe liefert – jedes Detail wird perfekt wiedergegeben. Der integrierte 1,4-fach-Telekonverter, der sich mit nur einem Fingerdruck aktivieren lässt, ist in solchen Situationen ein absoluter Gamechanger. Trotz seiner enormen Brennweite ist das Objektiv bemerkenswert gut. Der Bildstabilisator funktioniert so gut, dass ich mich frei bewegen kann und oft gar kein Stativ mehr brauche. Das gibt mir bei der Wildlife-Fotografie eine Nähe und Flexibilität, die sich einfach richtig anfühlt. So habe ich genug Abstand, um das Tier nicht zu stören, bin aber dennoch nah genug dran, um jede Nuance einzufangen. Diese Kombination aus Schnelligkeit, Präzision und Freiheit macht den entscheidenden Unterschied aus. Das Objektiv erlaubt mir nicht nur, Bilder zu machen – es lässt mich jeden Moment wirklich erleben.
„Oft hat man nur wenige Minuten, wenn nicht gar Sekunden Zeit, um einen außergewöhnlichen Moment festzuhalten. Deshalb ist es so wichtig, dass die Kamera eingerichtet und einsatzbereit ist.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z MC 105mm f/2.8 VR S, 1/640 s, f3.5, ISO 500 © Josef Stefan

Gewinnertipp 6: Die optimale Kameraeinstellung führt zum Erfolg
Achtet auf technische Präzision, denn Schärfe, Licht und Bildausschnitt müssen stimmen, damit die Wirkung des Moments wirklich zur Geltung kommt. Für Flying Rodent habe ich mit 1/2000 s gearbeitet, um die schnelle Bewegung gestochen scharf einzufrieren, und mit f/4.5, um ein ausgewogenes Lichtverhältnis zu erzielen – aber mit diesem wunderbar weichen, unscharfen Hintergrund, der das Motiv praktisch isoliert. Mit +0,3 EV habe ich das Bild etwas aufgehellt – gerade so viel, dass die Atmosphäre erhalten bleibt, ohne dass es unnatürlich wirkt. ISO 2000 war ein bewusster Kompromiss, um auch in diesem flüchtigen Moment genügend Licht einzufangen. Ich stellte den Weißabgleich auf „Automatisch“, da ich wusste, dass ich im RAW-Format später alle Details herausarbeiten konnte. Der Autofokus war auf kontinuierlichen Betrieb eingestellt, kombiniert mit dem Tiererkennungs-AF und lichterbetonter Belichtungsmessung (WC1). In diesem Moment gab es keine zweite Chance, und diese Einstellungen haben dafür gesorgt, dass der Fokus genau dort lag, wo er hingehörte: auf diesem einen, lebendigen Blick. Aber am wichtigsten war vielleicht, dass ich den Lautlos-Modus verwendet habe. Kein Geräusch, kein Klick, sodass der Luchs völlig ungestört blieb und ich diesen besonderen Moment miterleben konnte. Später habe ich das Bild in Nikon NX Studio bearbeitet, die Schatten und Lichter angepasst und die Schärfe leicht optimiert.
„Bilder, die Seltenheit, Ästhetik und eine gewisse Leichtigkeit miteinander vereinen, sprechen das Publikum besonders an.“ Nikon Z 9 + NIKKOR Z 70-200mm f/2.8 VR S, 700 mm, 1/25 s, f/5, ISO 125 © Josef Stefan

Gewinnertipp 7: Der „Wow“-Faktor
Was macht den Unterschied zwischen einem guten Bild und einem Bild aus, das den Sieg einstreicht? Sehr oft ist es der sogenannte „Wow-Effekt“ – dieses gewisse Etwas, das die Jury sofort in seinen Bann zieht und dafür sorgt, dass ein Bild lange im Gedächtnis bleibt. Das ist es, was das Bild für die Betrachtenden auf Anhieb besonders macht. Mein Rat ist, sich auf Originalität zu konzentrieren anstatt Trends nachzuahmen. Nachdem ich mein Bild aufgenommen hatte, warf ich einen Blick auf das Display und war sofort voller Freude. Nicht nur, weil das Bild technisch gelungen war, sondern weil ich in diesem Moment das Gefühl hatte, etwas wirklich Besonderes erreicht zu haben. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen einfach alles passte. Mir war sofort klar, dass dies mehr als nur ein gutes Foto wird – es war ein einzigartiger Moment, in dem alles zusammenkam: Technik, Intuition, Emotion, Story und Geduld. So entstand Flying Rodent.
Alle aktuellen Informationen zum Wettbewerb und den Gewinnenden findet ihr auf der Website des Natural History Museum.
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