Chiaroscuro: Die Kunst des Umgangs mit Licht und Schatten

Wie ihr ein Motiv mit einem einzigen Licht formt und Schatten zum Teil eurer Story macht: Nikon-Creator Yohan Terraza verrät seine zehn besten Tipps, um die Hell-Dunkel-Fotografie zu perfektionieren
Der Begriff „Chiaroscuro“ ist Italienisch für „Hell-Dunkel“ und steht für eine künstlerische Technik, bei der anhand von starken Kontrasten zwischen hellen und dunklen Bereichen Tiefe, Form und Wirkung erzeugt werden. Sie wird auch dazu verwendet, um den Blick auf wichtige Bereiche des Bildes zu lenken. Schon Künstler wie Caravaggio, Rembrandt und Leonardo da Vinci machten sich diese Technik zunutze. Heute setzen Fotograf:innen sie ein, um ihre Motive zu formen, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen und die Aufmerksamkeit zu lenken.
„Chiaroscuro ist eine Maltechnik, die mich schon lange, bevor ich überhaupt eine Kamera in die Hand nahm, fasziniert hat. Das liegt an ihrer starken Suggestivkraft: Sie deutet das Gezeigte nur an“, erklärt Nikon-Creator Yohan Terraza, der diese Technik als Teil seines unverwechselbaren Stils weiterentwickelt hat. „Schatten ist in der Fotografie genauso wichtig wie Licht. Das Spiel von Licht und Schatten ist wahrscheinlich die beste Möglichkeit für mich, die Welten in meinem Kopf zum Ausdruck zu bringen.“
Hier zeigt Yohan einige seiner Chiaroscuro-Bilder und verrät seine zehn besten Tricks, Tipps und Techniken, um Licht zu formen, Schatten zu vertiefen und die Atmosphäre zu verstärken.


Tipp 1: Verwendet nur eine Lichtquelle
„Das Schöne am Chiaroscuro ist, dass es keine komplizierte Beleuchtung erfordert. Die Technik lebt vom präzisen Zusammenspiel aus Licht und Schatten. Sie löst sich oft von den gängigen Regeln, die unsere Kreativität ohnehin nur einschränken“, sagt Yohan. „Das Ergebnis ist oft ein dunkles, schattenreiches Bild, bei dem Kontrast und präzise Farbsteuerung eine enorme Rolle spielen. Im Grunde genommen ist es ganz einfach: Eine einzige Lichtquelle reicht aus und muss manchmal nur an einer Seite platziert werden – und schon entsteht die Magie. Das Seitenlicht betont Form, Struktur und Tiefe, indem es eine Seite des Motivs beleuchtet, während die andere im Schatten bleibt. Was mich fasziniert, ist, wie sehr eine einzige Lichtquelle eine zunächst langweilig wirkende Szene völlig neu gestalten kann.
Porträts eignen sich hervorragend für das Spiel mit Hell und Dunkel. Ich bin kein Studiofotograf. Aber zu Hause mache ich Porträts vor einer Wand, die meine Partnerin gestrichen hat, sowie mit einer Softbox. An diesem Porträt meines Freundes gefiel mir besonders die düstere, an Lovecraft erinnernde Horror-Atmosphäre. Deshalb habe ich später mit Photoshop die Augen leicht vergrößert und den Blick verändert, um das Bild noch beunruhigender wirken zu lassen – zusätzlich zu den Texturbearbeitungen. Aber man braucht noch nicht einmal eine Softbox. Tageslicht kann wunderbar wirken, während einfache künstliche Lichtquellen wie eine Schreibtischlampe, eine Taschenlampe, eine Stirnlampe oder sogar ein Feuerzeug unglaublich effektiv sein können – aber dazu später mehr.“
Tipp 2: Arbeitet immer im RAW-Format
„Auch Tageslicht kann wunderschöne Effekte erzielen, insbesondere, wenn es durch ein Fenster oder eine Öffnung auf einen deutlich dunkleren Innenraum fällt. So wie auf diesem Bild einer verlassenen Kapelle, die ich bei einer Erkundungstour entdeckt habe. Da ich bei Tageslicht fotografierte und die Szene sowohl sehr helle als auch sehr dunkle Bereiche enthielt, nahm ich eine Belichtungsreihe auf, um mir mehr Spielraum zu verschaffen. Letztendlich enthielt jedoch eine einzige RAW-Datei genügend Informationen, um die benötigten Details wiederherzustellen. So musste ich die Belichtungen nicht zusammenfügen. Das ist ein Grund, warum ich immer im RAW-Format arbeite, insbesondere bei kontrastreichen Motiven wie diesem. Damit habe ich später viel mehr Flexibilität beim Ausbalancieren von Lichtern und Schatten.“


Tipp 3: Die Aufmerksamkeit lenken
„Der Blick richtet sich von Natur aus auf das Licht. Das kann beim Chiaroscuro also als unbewusste Führung durch das Bild dienen“, erklärt Yohan. „Ich platziere die wichtigen Elemente oft in der Bildmitte und betrachte jedes Foto fast wie ein Gemälde. In einem überwiegend dunklen Bild kann schon ein relativ kleiner heller Bereich zum Blickpunkt werden. Daher setze ich dieses Licht bewusst ein, um aufzuzeigen, wohin zuerst geschaut werden soll. Sobald man ins Zentrum blickt, merkt man, wie alles drumherum dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken – sozusagen, als ob man an der Hand geführt würde.
Eine Szene zu finden bedeutet auch, sie zu gestalten. Ich habe vielleicht ein bestimmtes Bild im Kopf. Letztendlich aber ist es vor allem eine Frage des Gefühls. Manchmal bedeutet das, eine Person oder eine kleine Lichtquelle einzufügen, um der Szene einen klaren Blickpunkt zu geben. Im alten Schloss habe ich zum Beispiel ein Feuerzeug verwendet. Die Kamera war auf einem Stativ montiert und der Selbstauslöser aktiviert. In der Höhle in den Pyrenäen bat ich meine Begleitung, für ein Foto in den Bildausschnitt zu treten. Vor dieser dunklen Kulisse bietet die beleuchtete Figur dem Auge sofort einen Ankerpunkt. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, die Größe und Atmosphäre des Ortes zu vermitteln.“
Indem er nur einen Teil des Raumes beleuchtet, lässt Yohan die umgebende Dunkelheit wirken. So erzeugt er mehr Mystik, Spannung und ein noch stärkeres Gefühl der Verlassenheit. Nikon Z 8 + NIKKOR Z 14-24mm f/2.8 S, 24 mm, 1,3 s, f/5.6 und ISO 200 © Yohan Terraza

Tipp 4: Lasst den Schatten sich seinen Platz verdienen
„Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit der Dunkelheit, weil sie negative Assoziationen damit verbinden. Für mich ist es genau umgekehrt: Das Dunkel steckt voller Geheimnisse, Poesie und Nostalgie“, beschreibt Yohan. „Beim Chiaroscuro ist es wichtig, Schatten als Teil des Motivs einzusetzen. Ein Schatten sollte nicht nur ein leerer Bereich um die Lichtquelle herum sein. Er sollte euch dabei helfen, die Geschichte zu erzählen, indem er Details verbirgt, Spannung aufbaut und dem Betrachter Raum lässt, sich auszumalen, was jenseits des beleuchteten Bildbereichs liegt. Durch diesen Kontrast wirken die beleuchteten Details einfach noch stärker.
In einem verlassenen Schloss in der Nähe von Bordeaux war dieser Raum unversehrt geblieben, obwohl das Gebäude ansonsten verfiel. Ich platzierte eine einzelne Leuchte etwas zur Seite hin. Das reichte aus, um die gewünschte Atmosphäre zu schaffen. Anstatt den gesamten Raum zu beleuchten, ließ ich einfach einen Großteil davon im Schatten liegen, damit die Dunkelheit Teil der Stimmung und der Geschichte dieses Ortes wird.“


Tipp 5: Nutzt natürlich vorhandene Kontrastbereiche
„Romantische Schauplätze wie Wälder lassen sich besonders gut mit Hell-Dunkel-Kontrasten in Szene setzen, selbst wenn sie recht komplex sind. Man muss auch nicht immer seine eigene Lichtquelle einbringen. Haltet Ausschau nach Stellen, an denen bereits natürliches Licht in die Szene fällt – zum Beispiel Sonnenstrahlen, die durch Baumkronen dringen. Hellere Lichtflecken, die von Schatten umgeben sind, oder Licht, das auf eine dunkle Landschaft fällt.
Diese natürlich entstehenden Kontraste können dasselbe Gefühl von Tiefe, Dramatik und Richtung erzeugen. Auf diesem Waldfoto (rechts) aus den Pyrenäen war ich beispielsweise auf der Suche nach einer weiteren Höhle, als mir diese Szene ins Auge fiel. Das Bild auf der linken Seite habe ich in Japan in der Nähe des Fuji aufgenommen, wo das Licht auf dem Wasserfall ziemlich grell war. Starkes Licht kann jedoch genau die gewünschte Trennung zwischen beleuchteten Bereichen und tieferen Schatten erzeugen. Man muss nur sorgfältig belichten und genügend Details beibehalten, um diese später bei der Bearbeitung zu nutzen.“
Anstatt einer festgelegten Belichtungsformel zu folgen, passt sich Yohan dem Licht und dem Kontrast der jeweiligen Szene an, um die gewünschte Stimmung zu erzeugen. Nikon D 700 + AF NIKKOR 35mm f/2D, 1/250 s, f/9.5, Belichtungskorrektur –0,33 und ISO 2500 © Yohan Terraza

Tipp 6: Lasst euch bei der Belichtung von der Szene leiten
„Die Einstellungen sind bei jedem Foto anders. Es gibt kein magisches Rezept, kein Geheimnis und keine Brennweite, die ich einer anderen vorziehe. Eure Einstellungen und Brennweite müssen sich an euer Bild anpassen, nicht umgekehrt. Beim Chiaroscuro bedeutet das, besonders auf die Anzahl der Details zu achten, die ihr jeweils im Licht und im Schatten beibehalten möchtet.
Nutzt Hilfsmittel wie das Histogramm ruhig als Orientierung. Lernt aber vor allem, die Belichtung wirklich zu verstehen, statt euch darauf zu versteifen, dass jedes Histogramm in ein bestimmtes Muster passen muss. Ein bewusst dunkel gehaltenes Chiaroscuro-Bild enthält naturgemäß viele Schattentöne. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass es falsch belichtet ist. Entscheidend ist, dass ihr die nötigen Informationen für euer endgültiges Bild erfasst.
Dieser neblige Wald in Ariège liegt mir sehr am Herzen. Ich kehre oft dorthin zurück. Szenen wie diese sind ein gutes Beispiel dafür, warum es keine allgemeingültige Belichtungsformel gibt: Man muss auf das Licht, den Kontrast und die Atmosphäre vor Ort reagieren.“


Tipp 7: Setzt kleine Leuchten kreativ in großen Räumen ein
„Wie bereits gesagt, kann Chiaroscuro sehr einfach sein: Eine einzige Lichtquelle reicht aus – und das gilt auch für Landschaften. Diese Technik wende ich oft in komplexen Umgebungen wie Höhlen, verfallenen Burgen und Wäldern an: Man muss nicht alles beleuchten. Eine kleine Leuchte an einer Wand oder in der Nähe eines architektonischen Details kann einen starken Blickpunkt schaffen. Ich kann damit gerade so viel von der Szene preisgeben, dass die umgebende Dunkelheit den Rest dazu beiträgt.
Ich habe diese Ruine tief in der Forêt des Landes gefunden. Am Fuß des Gebäudes stellte ich eine Lampe auf und fotografierte dann aus den umliegenden Bäumen heraus. Das Licht reichte aus, um die Ruine von der Dunkelheit abzuheben, ihre Form und Struktur zu zeigen und sie gleichzeitig klar in den Mittelpunkt des Bildausschnitts zu setzen.“
Yohan nutzt sein NIKKOR Z 14-24mm f/2.8 S, um die immense Größe des Höhleneingangs zu betonen und gleichzeitig die Gruppe innerhalb der weitläufigen Szene klein erscheinen zu lassen. Nikon Z 8 + NIKKOR Z 14-24mm f/2.8 S, 14 mm, 20 s, f/4.5 und ISO 1000 © Yohan Terraza

Tipp 8: Fotografiert im Weitwinkel, um Größe zu betonen
„Ich neige dazu, recht weitwinklig zu fotografieren, teilweise sogar bis 14 mm runter. So kann ich diese absolute Größe transportieren, besonders wenn ich an solch monumentalen Orten unterwegs bin“, erklärt Yohan. „Bei Höhlen und verlassenen Orten fange ich mit einem Weitwinkelobjektiv mehr von der Umgebung ein und kann mit den Größenverhältnissen spielen. Eine Person oder einen kleinen Lichtfleck kann ich so im Vergleich zum umgebenden Raum und den Schatten einfach winzig wirken lassen. Außerdem wähle ich eher frontale Blickwinkel und achte genau auf jedes Detail. Ich gestalte jedes Foto so, als könnte ich es anschließend nicht bearbeiten.
Mein NIKKOR Z 14-24mm f/2.8 S eignet sich perfekt für weite Landschaften, Höhlen und verlassene Orte – insbesondere, um ein Gefühl von Größe und unermesslicher Weite zu vermitteln. Außerdem verwende ich das robuste und makellose NIKKOR Z 24-70mm f/2.8 S wegen seiner Vielseitigkeit. Dann das NIKKOR Z 70-200mm f/2.8 VR S – es ist so präzise und immer dann nützlich, wenn ich das Bild mehr verdichten möchte. Und das NIKKOR Z 50mm f/1.2 S, ein wunderschönes Objektiv, das ich sehr häufig für Landschaftsaufnahmen nutze.
Es gibt jedoch keine ‚beste‘ Brennweite für Hell-Dunkel-Kontraste. Ich wähle das Objektiv einfach danach aus, was die Szene vermitteln soll. Bei diesem Bild zum Beispiel, das ich am Eingang einer riesigen Höhlenkammer aufgenommen habe, waren wir völlig von der Außenwelt abgeschnitten und saßen unter dem Sternenhimmel, bevor wir zur Erkundung hineingingen. Dank des weiten Bildwinkels des 14–24-mm-Objektivs gelang es mir, sowohl die Weite des Ortes als auch die Geschichte dieses Augenblicks einzufangen.“
Seht, wie Yohan Farben, Kontrast und Textur einer Waldszene in der Nachbearbeitung hervorhebt, um das eingefangene Licht und die Atmosphäre noch besser zur Geltung zu bringen.
Tipp 9: Betont und übertreibt bei der Bearbeitung
„Die Nachbearbeitung ist für mich eine logische Fortsetzung dessen, was ich zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht erreichen kann. Wenn das Bild selbst nicht gelungen ist, ist das Ganze jedoch sinnlos. Ich versuche nicht, irgendetwas zu reparieren – ich möchte einfach die Geschichte weiterschreiben“, verrät Yohan. „Stellt zunächst die Belichtung und die Lichtverhältnisse direkt in der Kamera richtig ein. Hebt dann in der Bildbearbeitung die bereits vorhandenen Stimmungen, Farben und Texturen hervor. Schon einfache Anpassungen mit den grundlegenden Schiebereglern können viel bewirken.
Ich erledige etwa 90 % meiner Arbeit in Lightroom, nutze aber auch Photoshop, wenn ich mich intensiver mit Texturen beschäftigen möchte. Ein gutes Verständnis für Farben und Bildbearbeitung ist wichtig. Vor allem aber braucht man zunächst einmal eine korrekt belichtete RAW-Datei. Ich verwende ein lineares Farbprofil, da es mir einen sehr neutralen Ausgangspunkt und viel Flexibilität bei der Bearbeitung der RAW-Datei bietet. Das gilt besonders für Grüntöne, die ich als eine der am schwierigsten zu handhabenden Farben empfinde.
Ich liebe auch Materialien und Texturen. Alle Welt scheint nach absolut rauschfreien Bildern zu streben. Ich aber verfolge diesen Ansatz nicht unbedingt. Für mich kann Rauschen Teil der Atmosphäre sein und muss nicht immer entfernt werden.“
Vor allem aber hält Yohan euch dazu an, hinauszugehen und eine Szene sowie ein Motiv zu finden, das euch anspricht und sich für Hell-Dunkel-Kontraste eignet. © Yohan Terraza

Tipp 10: Probiert es aus und findet euren Stil
„Das Experimentieren ist entscheidend. Im Ernst! Ich rate davon ab, mechanisch eine Checkliste mit Maßnahmen für den Erfolg abzuhaken. Das bringt euch nur eine hübsch anzusehende, aber leere Hülle. Man muss sich Zeit nehmen, ausprobieren, Enttäuschungen und Erfolge verarbeiten, um herauszufinden, was für einen selbst funktioniert. Genau das macht den Wert dabei aus. Fotografie ist vor allem ein persönliches Abenteuer. Macht also das, was euch begeistert, und scheut euch nicht davor, Bilder zu erschaffen, an denen sich die Meinungen spalten.
Um das mal in die Praxis umzusetzen: Fordert euch heraus, ein fast monochrom wirkendes Bild zu kreieren, obwohl es in Farbe aufgenommen wurde. Nutzt Licht, Schatten und eine zurückhaltende Farbpalette, um die Szene zu gestalten und zu betonen. Wählt euer Motiv und die Beleuchtung sorgfältig aus und setzt Farbe sparsam ein. So reagiert man beim Betrachten zunächst auf Tonwert, Kontrast und Form. Das ist nicht unbedingt einfach – aber es wird euch dazu bringen, viel genauer über alles nachzudenken: was ihr beleuchtet, was im Schatten bleibt und wohin der Blick gelenkt werden soll.“
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